Herta Müller, Rumänien und Kaufbeuren
Die Berichte über die rumänien-deutsche Nobelpreisträgerin Herta Müller haben mich seltsam berührt, denn mit Rumänien und den einstmals dort zahlreichen deutschstämmigen Volksgruppen verbinden mich bemerkenswerte Erinnerungen. Da kommen wieder die Bilder hoch, wie zwei Freunde und ich im VW-Sambabus aus dem Iran und Anatolien kommend, im Spätsommer 1968 über Bulgarien nach Rumänien fuhren. In Erinnerung geblieben ist mir vor allem die unglaubliche Gastfreundschaft der Rumäniendeutschen. Es verdient festgehalten zu werden, daß es um die gastfreundliche Aufnahme in Anatolien und im Iran ähnlich gut bestellt war. Wir, die wir als völlig Fremde abends ein Dorf erreichten, waren immer willkommen, egal wie arm die Leute waren – und die anatolischen und iranischen Bauern waren damals bitter arm! Ausgangspunkt der abenteuerlichen Reise war übrigens die heute nicht mehr existierende Shell-Tankstelle an der Mindelheimer Straße in Kaufbeuren im Allgäu …
Hier ein kurzer Ausschnitt aus dem Reisetagebuch:
In der Nähe von Sibiu, dem ehemaligen Hermannstadt, hatten wir uns verfranst. Da kam ein großes Gehöft in Sicht, vor dem ein paar Leute standen. Bevor ich mich richtig nach dem Weg erkundigen konnte, rief ein Mann: “Seid’s ihr Reichsdeutsche?” Diese Frage waren wir nun schon gewohnt. “Reichsdeutscher” ist gleich “Westdeutscher“, so einfach war das. Von den sozialistischen Brüdern in der DDR wollte man anscheinend nichts wissen. Ich bestätigte also, daß meine Freunde und ich aus Westdeutschland kämen. Da hellten sich die Mienen auf und man bat uns in das stattliche Wohnhaus, das heißt in die Küche, wie das so üblich war. Das Wohnzimmer blieb Familienfesten, wie Hochzeiten, Taufen, Beerdigungen, der Weihnachtsfeier usw. vorbehalten. Die Küche sah wieder einmal recht rustikal aus. Ein offener Herd, mit darüber hängenden Kesseln, Töpfen und Pfannen, ein langer Tisch mit einer gut zolldicken Platte, zwei Bänke und einige vom Alter gezeichnete Truhen bildeten das gesamte Mobiliar. Weitere Gegenstände, Taschen, Körbe und Kleidungsstücke hingen an Holzpflöcken, die man in die Wände getrieben hatte. Der Fußboden bestand aus gestampftem Lehm. Auf allem lag die Patina von Jahrhunderten.
Da es später Nachmittag war, fragten wir, wo wir eventuell übernachten könnten. Da bot man uns ein Nachtlager im duftenden Heuschober an. Ich hatte bemerkt, daß im Hof gleich zwei PKWs standen, die freundlichen Gastgeber konnten also nicht arm sein. Dies bestätigte sich hinterher. Von dem einst riesigen Anwesen hatten die Kommunisten zwar Felder, Wiesen und Wälder verstaatlicht, der Hof, die Scheunen, der große Gemüsegarten und eine Wiese, waren den Eigentümern jedoch geblieben. Es war ihnen auch erlaubt, zwei Kühe, ein paar Ziegen und jede Menge Hühner für den Privatgebrauch zu halten. Da konnte man auch ganz gut schummeln, denn der Bauer hatte noch eine Kuh und mehrere Ziegen bei ärmeren rumänischen Nachbarn untergebracht, wie er verschmitzt grinsend berichtete.
Trotz des augenscheinlich bescheidenen Wohlstandes wollen die Leute partout in den Westen, oder wie sie sich ausdrückten, “heim ins Reich”. Wir versuchten sie mit dem Argument, daß im Westen auch nicht alles Gold wäre was glänzt, davon abzubringen, jedoch vergeblich. Sie wollten einfach raus aus Rumänien. Sie konnten sich einfach nicht mit den Kommunisten identifizieren, die es zuließen, daß so viele der Landsleute ein schreckliches Schicksal erlitten hatten. Vor allem die Verschleppungen durch die Sowjets waren noch frisch in Erinnerung. Da nützte auch der Hinweis nichts, daß Staatspräsident Nicolae Ceausescu gerade eine vorsichtige Hinwendung zum Westen begonnen hatte.
Beitrag von Peter M.Roese