Die wilden 60er Jahre in Kaufbeuren Teil II von Peter M. Roese

Voll im Beat-Fieber … Impressionen aus der Ranchbar 1966 (II)

“Ja,ja”, bricht Rotgerber das Schweigen, “wenn man sich überlegt, die Mädels in Kaufbeuren haben es doch gut. Sie haben einen riesigen Vorteil: Eine große Auswahl an jungen Männern, die noch dazu, wie im Fall der Technischen Schule der Luftwaffe, immer wieder wechseln. Da hat die holde Weiblichkeit der Qual der Wahl. Da bekommt selbst das scheueste Mauerblümchen eine echte Chance!”
“Die armen Mütter und Väter pubertierender Teenager”, sagt Rossner spöttisch, “die stehen permanent vor dem Herzinfarkt. Zumindest in den Städten ist das so. Auf dem Land ist man – noch – konservativer, da bestimmen das Vereinsleben, die Kirchweih und Umtata-Musik die Freizeit. Aller höchstens Margot Eskens, Freddy Quinn, Peter Alexander, Martin Lauer, Catharina Valent und ähnliche Talente haben da eine Chance.”
“Du kennst ja die dörflichen Gepflogenheiten vom Pegnitztal her, wo deine Eltern wohnen. Ich kann da nicht mitreden, ich bin in der Großstadt aufgewachsen.”
Richtig!”
“Mal gespannt”, fährt Rotgerber fort, “ob die hier nachher wieder einen Film von Woody Woodpecker bringen. Das wäre doch eine Gaudi … dem sein Gelächter …”
“Hähä … hähähä”, intoniert Rossner. “Ja, ja, dieses penetrante Lachen ist legendär.”
Der Woody Woodpecker und die Ranchbar … Welcher Besucher kennt ihn nicht, den Helmspecht mit der Tolle, dem großen, gelben Schnabel, den roten Federn am Kopf, den blauen am Körper und dem weißen Bauch. In den Tanzpausen schwadronieren der Woody, Buzz Buzzard, Andy Panda, Wally Walrus, Gabby Gator und andere flimmernd über die Leinwand.
“Obwohl diese Cartoon-Figur bereits in den 40er Jahren von Walter Lantz kreiert wurde”, erklärt Rossner seinem Gegenüber, “passt der Specht wegen seines verrückten, chaotischen Auftretens und seiner Penetranz ganz gut in die neuen Zeiten.”
“Da hast du nicht unrecht”, sagt Rotgerber, seinen Gesprächspartner erstaunt anblickend, “darüber hatte ich noch gar nicht nachgedacht.”
Der Diskjokey räuspert sich, und schon geht es los.
“Leute macht euch auf zum Schwofen”, ertönt eine männliche Stimme hinter ihnen. Das ist garantiert ein Nordlicht!
Die Lautsprecher wummern, als ‘Twist and shout …’ von den Beatles ertönt. Dann folgt ‘Wolly Bully …’ von Sam The Sham and the Pharaoes. Die Stimmung ist heute schon am frühen Abend gut, und so füllt sich die Tanzfläche schnell mit zuckenden, stampfenden Gestalten, da grölt bei letzterem Song ein hingerissener Gast übermütig: “Volle Pulle!” Schlagartig blicken die Söhne des Besitzers der Ranch forschend mit angespannten Mienen in jene Richtung, aus der der Ruf erschallte. Die Frau Mama, die heute auch anwesend ist, wird ebenfalls aufmerksam. Die jungen Männer sind geübt darin mögliche Unruhestifter rasch auszumachen, und auf dezente Weise aus dem Verkehr zu ziehen. Ein Hausverbot wiegt schwer, denn ein vergleichbares Tanzlokal gibt es weit und breit nicht. Ein Hauch sonniges California kommt in die Ranch, als der Diskjockey ‘Iget around …’ von den Beach Boys auflegt.
Wie es der Zufall will treffen die von Rossner und seinem Bekannten erwarteten Grazien fast gleichzeitig ein. Da geht es erst einmal ohne Umschweife auf die Tanzfläche.
Dort hat sich die Situation schlagartig geändert, denn der Diskjokey hat eine langsamere Platte aufgelegt, so zum an schleichen. Da herrscht auf der Nahkampfdiele nicht ganz soviel Gedränge, denn das ist was für Paare die schon etwas miteinander haben oder Mädels die einen ’süßen Boy’ gleich fest an sich binden wollen. Da schmalzen Sonny & Cher ‘I got jou babe …’
Die manchmal kokette, nun zärtlichkeitsbedürftige Denise hat ihre Arme um Rossners Nacken geschlungen, ihr Kopf ruht auf seiner rechten Schulter. Was duftet ihr samtweiches Haar … leicht wie eine Feder ist sie … Ach, was ist er doch verknallt!
“Das war so eine richtige Schmuserunde”, haucht sie ihm seufzend ins Ohr, als Sonny & Cher ihren Song beenden: “Iiii gooot youuu babe ….”

ranchbar-113.jpg

Der Text stammt aus dem Manuskript “Allgäu Sixties”, von Peter M. Roese

Teil I

Wo sind die 60er-Fans, die einen Kommentar über ihre Erlebnisse rund um die Ranchbar schreiben wollen?

Die wilden 60er Jahre in Kaufbeuren von Peter M. Roese

Voll im Beat-Fieber … Impressionen aus der Ranchbar 1966 (I)

Nun ist es richtig ausgebrochen, das Beat-Fieber. Musik wird zur Waffe des Friedens! Ulkig, da gibt es doch dieses alte Sprichwort: ‘Wo man singt da lass dich ruhig nieder, denn böse Mensch kennen keine Lieder …’ Das stimmt natürlich auch nicht ganz, denn die bösen Kommunisten zum Beispiel haben ihre ‘Internationale’ – ‘Völker hört die Signale, auf zum letzten Gefecht …’
Die Ranchbar in Kaufbeuren, kurz Ranch genannt … dieser Tempel der neuen, beglückenden Musik … Manche nennen das Tanzlokal, nahe der Spittelmühlkreuzung an der Gutenbergstraße, Beatschuppen, Preßluftschuppen und so weiter. Das ist aber beileibe nicht verächtlich gemeint, sondern eher durch einen liebevollen Unterton untermalt. Für junge Mädchen, vom Beat-Virus befallen, bedeutet es höchste Erfüllung, wenn sie endlich, endlich in die Ranchbar dürfen, selbst wenn es nur bis 22 oder 23 Uhr ist. Außerdem ist extra für die Küken am Sonntagnachmittag Tanz angesagt. Wenn die Eltern getäuscht werden sollen, kommen die Mädels ungeschminkt von zu Hause. Dann geht es in der Ranch erst einmal auf die Toilette, um sich zu schminken. Wenn sie dann wieder raus kommen wundert sich mancher von den Jungs: Ist das jetzt die, mit der ich gekommen bin, oder die große Schwester? Die Ranch … das ist schon was, denn an den verruchten Ringkeller zum Beispiel dürfen vor allem die Mädels nur in ihren geheimsten Träumen denken.
Mögen die jungen Leute glücklich sein, die alten Spießer sind es nicht. Es ist ungeheuerlich! Was ist nur aus der wohlgeordneten Nachkriegsgesellschaft geworden? Nicht nur die Spießer sind schockiert. Für manche scheint schon der Moment des Unterganges des Abendlandes gekommen zu sein …
Die aufmüpfige Jugend ist über alle Ländergrenzen hinweg durch die neue Musik miteinander verbunden – zumindest im Westen offiziell. Da gibt es langhaarige Sänger und auch ein paar Sängerinnen, in unmöglichen Klamotten, die offen ihre Meinung in alle Welt hinausposaunen – und … auch Sexuelles. Und die Mädchen und jungen Frauen singen da auch noch mit! Beim Twist produzieren sich manche Mädels, vor allem diejenigen die es sich leisten können, gar als Tittenwacklerinnen.

So sieht die Ranchbar (später Stachus) heute aus. Wie lange wird dieses geschichtsträchtige Gebäude wohl noch stehen?
Fotos von Rainy Roese

Rossner wartet in der Ranchbar mit klopfendem Herzen auf Denise, dieses entzückende, petite Wesen, das er kürzlich hier kennen gelernt hat. Wie eine Elfe aus dem Feenreich kommt sie ihm vor. Sie ist in einem Internat am Ammersee, kommt aber meist am Wochenende nach Kaufbeuren, da die Eltern in der Bundeswehrsiedlung an der Apfeltranger Straße wohnen. Der Vater ist nämlich beim Bund.
“Grüß’ dich, wie geht’s?” vernimmt Rossner neben sich die sonore Stimme von Rotgerber. Der stammt ursprünglich aus Nürnberg und ist nach seiner Bundeswehrzeit in Kaufbeuren hängen geblieben. Er war am Fliegerhorst Memmingerberg, beim Jagdbombergeschwader 34. Der Grund warum er letztendlich in Kaufbeuren gelandet ist führt den Namen Manuela.
“Mir geht es gut”, antwortet Rossner. “Wo hast du denn deine Manuela gelassen?”
“Keine Sorge, die kommt schon noch, die ist kurz bei einer Tante. Du weißt ja wie gerne sie tanzt.”
“Setz’ dich doch her”, fordert Rossner ihn auf, “ich lade dich zu einem Bierchen ein. Ich warte nämlich auch auf eine junge Dame.”
“Ist das die mit der du am vergangenen Samstag so eng umschlungen getanzt hast?”
“Ja, genau die.”
“Die schaut aber entzückend aus. In die könnte ich mich auch glatt verknallen.”
“Lass das bloß deine Manuela nicht hören.”
Da müssen sie beide lachen …
Nachdem er einen Schluck Bier getrunken hat sieht Rossner sich um. Die Beleuchtung ist schummrig. Die umfangreiche rechteckige Tanzfläche ist von Tischen umrahmt, die bereits besetzt sind, und zeigt mit der Schmalseite Richtung Eingangstüre. Auf der gegenüberliegenden Seite der Tanzfläche residiert der König der runden, schwarzen Scheiben, der Diskjockey, mit seinen Geräten. Da blinken in der Dunkelheit geheimnisvoll verschiedenfarbige Lämpchen und Anzeigen, fast wie im Cockpit eines Flugzeuges. Dahinter befindet sich ein Podest , auf dem Stühle und Tische stehen , von denen erst einige besetzt sind. Die große Theke mit Bar ist rechter Hand eingebaut.
Langsam füllt sich das Lokal. die Mädels sind schick angezogen, in Kleidern mit klaren Linien, tragen meist gestylte, toupierte Haarfrisuren, manche mit ‘Herrenwinkern’. Aber auch Farah-Diba-Bienenkorb-Frisuren, Brigitte-Bardot-Frisuren und vereinzelte Pferdeschwänze sind zu sehen. Glatte, lange Haare sind jedoch nach wie vor ‘in’. Und dann die langen, angeklebten Wimpern … Die jungen Männer schauen dagegen eher aus wie graue Mäuse, im Anzug und Krawatte, mit bravem, kurzen Haarschnitt. Nur ab und zu sieht man eine Elvis-Tolle oder einen Pilzkopf.

Der Text stammt aus dem Manuskript “Allgäu Sixties”, von Peter M. Roese

Interessiert wie’s weitergeht? Fortsetzung folgt bald …

Teil II

Wo sind die 60er-Fans, die einen Kommentar über ihre Erlebnisse rund um die Ranchbar schreiben wollen?