Nordafrika und die deutsche Vergangenheit

Peter M. Roese Die Erlebnisse eines deutschen Soldaten in Libyen und in Ägypten … und anderswo …, festgehalten von Peter M. Roese (1. Teil)

Aus gegebenem Anlass sollte darauf hingewiesen werden, daß die Deutschen ein besonderes Verhältnis zu Libyen haben. Aber wer erinnert sich sich noch daran, daß dieses Land während des 2. Weltkrieges Schauplatz schwerer Kämpfe zwischen den Achsenmächten und den Alliierten war? Ein kurzer Blick zurück: In den Jahren 1911-1912, während des Türkisch-Italienischen Krieges, besetzte Italien die türkischen Provinzen Tripolitanien, Cyrenaika und Fezzan. Am 1.Januar 1935 wurden die Landesteile unter dem Namen ‘Libia Italiana’ vereint. Mit der Besetzung kehrte jedoch keine Ruhe ein, denn die Senussi-Bruderschaften leisteten heftigen Widerstand gegen die Italiener. Erst mit der Einnahme der Kufra-Oasen 1935 konnte der Widerstand gebrochen werden. Im 2. Weltkrieg kämpfte die deutsche Wehrmacht mit dem Afrikakorps unter General (später Feldmarschall) Erwin Rommel gemeinsam mit den Italienern gegen die Britische Armee. Anfang 1943 wurden die Deutschen und die Italiener aus Libyen nach Tunesien abgedrängt.

Nachdem die Italiener Ende 1940 schwere Niederlagen bei den Kämpfen mit den Engländern einstecken mussten, schickte Adolf Hitler am 9. Januar 1941 die ersten deutschen Truppen nach Libyen. In diesem Jahr kam auch mein Stiefvater Albert Roese (geb. 1914, gest. 2004) nach Libyen. Er hatte sich freiwillig zum Afrikakorps, genauer gesagt, zur 90.Leichten Infanteriedivision gemeldet. Die Freiwilligen fuhren mit dem Zug über den Brennerpaß nach Brindisi, bis ganz unten an die Stiefelspitze Italiens. Dort verlud man sie in eine stoffbespannte, dreimotorige Savoia-Marchetti-Transportmaschine mit der lustigen Bezeichnung Pipistrello, das heißt Fledermaus, die ohne Zwischenfälle in Benghazi landete. Mein Schwiegervater kam gleich zum Einsatz. Die Kämpfe wogten hin und her, gefahren wurde nach Kompaßzahl, die Wüste wurde zum Meer, in dem Rommels Verbände hin und her kreuzten. Rommel, der ‘Wüstenfuchs’ war überall, um seine Leute von vorne zu führen. Man lebte teilweise von den Schätzen eroberter feindlicher Nachschublager, und gondelte mit erbeuteten Fahrzeugen durch die Wüste. Es gab wenige Siedlungen .Deshalb waren die Namen Benghazi, Derna,Tobruk, Sollum usw.leicht zu merken.

Nachdem mein Stiefvater eine ganze Zeitlang unbeschadet in der Wüste umhergekrebst war, erwische es ihn dann doch noch im Oktober 1942 auf dem Vormarsch in Ägypten in der Qattara-Senke, kurz vor El Alamein. Er erhielt ein paar Granatsplitter in den Rücken und geriet in englische Gefangenschaft. Die Engländer behandelten ihn korrekt, und nach der Erstversorgung verlegte man ihn in ein Lazarett nach Alexandria. Nach seiner Genesung kam er in ein Kriegsgefangenenlager, das von Indern bewacht wurde. Dort hausten die Gefangenen zu je acht Mann in Zelten. Das Zelt, in dem mein Stiefvater lebte, befand sich nur etwa vier Meter von dem doppelreihigen Stacheldrahtzaun entfernt, der das Lager umgab. Nach langen Diskussionen beschlossen einige der Soldaten einen Fluchtversuch zu wagen. Nachts gruben sie mit Schüsseln unter der Feuerstelle ein zwei Meter tiefes Loch in den Wüstensand. Um den Sand zu verfestigen, hatte man ihn vorher tagelang mit Wasser begossen. In etwa zwei Metern Tiefe grub man einen ungefähr zwölf Meter langen, waagrechten Tunnel unter den Stacheldrahtzäunen hindurch. Der ausgehobene Sand wurde um das Zelt herum gleichmäßig verteilt.

Soweit der Text für heute. Wird die Flucht gelingen? Die Antwort findet sich im 2.Teil …

Romane von Peter M Roese: Afrika-Thriller “Nigeria Connection” u. Iran-Thriller “AFN Tehran” (www.rhombos.de). Bald erscheint auch das Kult-Buch “Allgäu Sixties” – die turbulenten 60er Jahre in Kaufbeuren und am Fliegerhorst.