Nordafrika und die deutsche Vergangenheit (2)

Peter M. Roese Die Erlebnisse eines deutschen Soldaten in Libyen und in Ägypten … und anderswo …, festgehalten von Peter M. Roese (2. Teil)

Hier geht es weiter mit den Abenteuern des Albert Roese:

Da für die kommenden Tage ein Sandsturm angesagt war, beschloss man, dieses Naturereignis für die Flucht zu nutzen Ein solcher Sandsturm ist für diesen Zweck ideal, denn er behindert die Sicht etwaiger Verfolger und verweht sämtliche Fußspuren. Einer der eingeweihten Soldaten machte im letzten Moment einen Rückzieher und beschloss, lieber im Lager zu bleiben. Die anderen stiegen gegen 23 Uhr 30 in den Tunnel. Nach erfolgreicher Unterquerung der Stacheldrahtzäune trennte man sich, und der Stiefvater marschierte nach eingestellter Kompaßzahl in die Nacht hinaus. Im Morgengrauen grub er sich im Sand ein und zog eine mitgebrachte Decke über sich. So hoffte er der Tageshitze und einer möglichen Entdeckung zu entgehen. Allerdings setzte der angekündigte Sandsturm nicht ein, und so konnte man seine Fußspuren deutlich erkennen. Bei Sonnenaufgang bemerkte er prompt einen Araber, der tatsächlich seinen Fußspuren gefolgt war. Hinter dem Einheimischen tauchte auch schon ein Jeep auf, vollbesetzt mit englischen Soldaten. Sinnlos, da Widerstand zu leisten. Er gab auf. Nach einem Aufenthalt in einem Lager, das man speziell für entflohene und wieder eingefangene deutsche Kriegsgefangene eingerichtet hatte, ging es 1943 nach Suez, auf den Truppentransporter ‘Leopoldville’, der einige hundert Gefangene nach Durban in Südafrika brachte. Von dort transportierte man die Deutschen in ein Lager beim nahegelegenen Pietermaritzburg. Nach ein paar Wochen Aufenthalt dort ging es zurück nach Durban, wo der Truppentransporter ‘New Amsterdam’ auf der Reede lag. Mit den Gefangenen an Bord fuhr das Schiff nach Australien und dann weiter nach Neuseeland. Beide Male gab es für die Gefangenen keinen Landgang. Eine sechswöchige Seereise brachte die Kriegsgefangenen unter der Golden Gate Bridge hindurch nach San Francisco. Dort verfrachtete man sie in einen Zug, der über El Paso nach Dallas fuhr.Schließlich landeten sie im Prisoner of War Camp in Hearne, Texas.

Die erste Zeit ging es den deutschen Kriegsgefangenen recht gut. Sie konnten zum Schulunterricht gehen und einige Freizeitaktivitäten genießen. Ab dem 8.Mai 1945, das heißt nach der Kapitulation des Deutschen Reiches war es dann vorbei mit dem schönen Leben hinter Stacheldraht. Jetzt wehte ein rauherer Wind! Die Gefangenen mussten auf den Feldern arbeiten, Baumwolle pflücken und Entwässerungsgräben ausheben. Der Stiefvater hatte wieder Glück, denn er war Schneidermeister von Beruf, und da gab es im Lager genug für ihn zu tun. Er brauchte sich nicht mit Moskitos und Schlangen herumzuschlagen wie die anderen. Das ging so bis Ende 1945, als die Amerikaner die Gefangenen wieder in einen Zug verfrachteten und an den Mississippi transportierten. Von da aus ging es über Washington nach New York. Dort bestieg man Anfang 1946 eines jener legendären Liberty-Schiffe, von denen während des Krieges mehrere Tausend gebaut wurden. Ziel der Seereise war Liverpool in England. Mit Spannung erwarteten die Kriegsgefangenen, was weiter geschehen würde. Falls Sie jedoch gehofft hatten, daß es nun gleich weiter in die Heimat ginge, hatten sie sich getäuscht. Zunächst folgte ein Aufenthalt in einem weiteren Lager, bei Birkenhead am gegenüberliegenden Mersey-Ufer. Langsam bekamen die armen Kerle einen Stacheldrahtkoller. Im Juni 1947 winkte dann endlich die Freiheit. Man verlud die Gefangenen auf ein Schiff, das Cuxhafen ansteuerte, und von dort ging es mit der Bahn in ein Lager südlich von Hannover, wo schließlich die Entlassung erfolgte.

Romane von Peter M Roese: Afrika-Thriller “Nigeria Connection” u. Iran-Thriller “AFN Tehran” (www.rhombos.de). Bald erscheint auch das Kult-Buch “Allgäu Sixties” – die turbulenten 60er Jahre in Kaufbeuren und am Fliegerhorst.

Nordafrika und die deutsche Vergangenheit Teil 1

Nordafrika und die deutsche Vergangenheit

Peter M. Roese Die Erlebnisse eines deutschen Soldaten in Libyen und in Ägypten … und anderswo …, festgehalten von Peter M. Roese (1. Teil)

Aus gegebenem Anlass sollte darauf hingewiesen werden, daß die Deutschen ein besonderes Verhältnis zu Libyen haben. Aber wer erinnert sich sich noch daran, daß dieses Land während des 2. Weltkrieges Schauplatz schwerer Kämpfe zwischen den Achsenmächten und den Alliierten war? Ein kurzer Blick zurück: In den Jahren 1911-1912, während des Türkisch-Italienischen Krieges, besetzte Italien die türkischen Provinzen Tripolitanien, Cyrenaika und Fezzan. Am 1.Januar 1935 wurden die Landesteile unter dem Namen ‘Libia Italiana’ vereint. Mit der Besetzung kehrte jedoch keine Ruhe ein, denn die Senussi-Bruderschaften leisteten heftigen Widerstand gegen die Italiener. Erst mit der Einnahme der Kufra-Oasen 1935 konnte der Widerstand gebrochen werden. Im 2. Weltkrieg kämpfte die deutsche Wehrmacht mit dem Afrikakorps unter General (später Feldmarschall) Erwin Rommel gemeinsam mit den Italienern gegen die Britische Armee. Anfang 1943 wurden die Deutschen und die Italiener aus Libyen nach Tunesien abgedrängt.

Nachdem die Italiener Ende 1940 schwere Niederlagen bei den Kämpfen mit den Engländern einstecken mussten, schickte Adolf Hitler am 9. Januar 1941 die ersten deutschen Truppen nach Libyen. In diesem Jahr kam auch mein Stiefvater Albert Roese (geb. 1914, gest. 2004) nach Libyen. Er hatte sich freiwillig zum Afrikakorps, genauer gesagt, zur 90.Leichten Infanteriedivision gemeldet. Die Freiwilligen fuhren mit dem Zug über den Brennerpaß nach Brindisi, bis ganz unten an die Stiefelspitze Italiens. Dort verlud man sie in eine stoffbespannte, dreimotorige Savoia-Marchetti-Transportmaschine mit der lustigen Bezeichnung Pipistrello, das heißt Fledermaus, die ohne Zwischenfälle in Benghazi landete. Mein Schwiegervater kam gleich zum Einsatz. Die Kämpfe wogten hin und her, gefahren wurde nach Kompaßzahl, die Wüste wurde zum Meer, in dem Rommels Verbände hin und her kreuzten. Rommel, der ‘Wüstenfuchs’ war überall, um seine Leute von vorne zu führen. Man lebte teilweise von den Schätzen eroberter feindlicher Nachschublager, und gondelte mit erbeuteten Fahrzeugen durch die Wüste. Es gab wenige Siedlungen .Deshalb waren die Namen Benghazi, Derna,Tobruk, Sollum usw.leicht zu merken.

Nachdem mein Stiefvater eine ganze Zeitlang unbeschadet in der Wüste umhergekrebst war, erwische es ihn dann doch noch im Oktober 1942 auf dem Vormarsch in Ägypten in der Qattara-Senke, kurz vor El Alamein. Er erhielt ein paar Granatsplitter in den Rücken und geriet in englische Gefangenschaft. Die Engländer behandelten ihn korrekt, und nach der Erstversorgung verlegte man ihn in ein Lazarett nach Alexandria. Nach seiner Genesung kam er in ein Kriegsgefangenenlager, das von Indern bewacht wurde. Dort hausten die Gefangenen zu je acht Mann in Zelten. Das Zelt, in dem mein Stiefvater lebte, befand sich nur etwa vier Meter von dem doppelreihigen Stacheldrahtzaun entfernt, der das Lager umgab. Nach langen Diskussionen beschlossen einige der Soldaten einen Fluchtversuch zu wagen. Nachts gruben sie mit Schüsseln unter der Feuerstelle ein zwei Meter tiefes Loch in den Wüstensand. Um den Sand zu verfestigen, hatte man ihn vorher tagelang mit Wasser begossen. In etwa zwei Metern Tiefe grub man einen ungefähr zwölf Meter langen, waagrechten Tunnel unter den Stacheldrahtzäunen hindurch. Der ausgehobene Sand wurde um das Zelt herum gleichmäßig verteilt.

Soweit der Text für heute. Wird die Flucht gelingen? Die Antwort findet sich im 2.Teil …

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